
Während in Europa die Partnerschaft zwischen Stellantis und Leapmotor oft als eine strategische “Win-Win”-Allianz dargestellt wird, ist der Blick aus China weitaus differenzierter. Zwischen Bewunderung, Misstrauen und dem Gefühl industrieller Rache erzählen die chinesischen Kommentare zu dieser Kooperation in Wirklichkeit von etwas viel Tieferem: der Verschiebung des weltweiten automobilen Gravitationszentrums.
Alles begann mit einer offiziellen Ankündigung von Stellantis. Der europäische Automobilkonzern will mit Leapmotor viel weiter gehen. Nach dem bloßen Vertrieb chinesischer Modelle in Europa bereiten die beiden Unternehmen nun gemeinsame Entwicklungen, eine lokale Produktion in Spanien und eine stärkere Integration der Lieferketten vor. Im Klartext: Es geht nicht mehr nur darum, chinesische Autos in Europa zu verkaufen, sondern europäische Autos zu bauen - mit einer chinesischen Technologiebasis.
«Das Zentrum der Weltautomobilausstellung wird China sein»
In China haben sich viele an einen Satz von Zhu Jiangming, dem Gründer von Leapmotor, erinnert: «Heute besetzen die chinesischen Hersteller das Zentrum der chinesischen Automobilmessen. In einigen Jahren werden sie das Zentrum der weltweiten Automessen besetzen».»
Diese Aussage fasst die derzeitige Stimmung in einem Teil der chinesischen Automobilindustrie treffend zusammen. Lange Zeit galten die chinesischen Hersteller als Außenseiter, doch nun glauben sie, dass sie den technologischen Vorteil im Bereich der Elektroautos erlangt haben. Und die Partnerschaft mit Stellantis wird als weiterer Beweis dafür gesehen, dass selbst die großen westlichen Konzerne nun China brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Der zukünftige elektrische Opel-SUV mit dem Code “O3U”, der von chinesischen und deutschen Teams gemeinsam entwickelt wird, symbolisiert diese neue Realität. Leapmotor wird die elektrische Plattform und die Batterien liefern, während Opel sich um das Design, die Einstellung des Fahrgestells und die europäische Identität des Modells kümmern wird. Eine fast schon historische Umkehrung der Rollen. Jahrzehntelang brachten europäische Hersteller ihre (veraltete) Technologie nach China. Nun sind es die europäischen Ingenieure, die sich das elektrische Know-how aus China holen.
In China beunruhigt Stellantis mehr als sie beruhigt
Doch während viele diese Allianz als einen Sieg der chinesischen Industrie sehen, sind die Meinungen über Stellantis besonders hart. In den sozialen Netzwerken und den chinesischen Medien wird der Konzern regelmäßig als “angeschlagenes Imperium” beschrieben, das von internen Problemen geplagt wird.
Die Kritik an Stellantis wird immer wieder laut: komplizierte Unternehmensführung, interne Rivalitäten zwischen französischen und italienischen Clans, Rückstand bei der Elektrotechnik, schwächelnde Marken... Einige Internetnutzer gehen sogar so weit, Stellantis als “Allianz der Verlierer” zu bezeichnen. Man muss sagen, dass die Zahlen diesen Diskurs nähren. Im Jahr 2025 verzeichnete Stellantis einen gigantischen Nettoverlust von 22,3 Milliarden Euro. Die europäischen Fabriken laufen auf Sparflamme, mit Auslastungsgraden, die weit unter den Standards liegen, die in der Automobilindustrie als rentabel gelten.
Für viele chinesische Kommentatoren hat Stellantis nicht wirklich eine Wahl: Der Konzern muss schnell wieder wettbewerbsfähige Elektrotechnologien erlangen, und Leapmotor stellt eine schnelle und relativ kostengünstige Lösung dar.
«Entweder wird das eine das andere absorbieren oder das eine wird verschwinden»
Doch hinter den offiziellen Reden über die Zusammenarbeit zeigen einige chinesische Kommentare ein echtes Misstrauen auf lange Sicht. Einer von ihnen fasst diese Befürchtung brutal zusammen: «Mit der Zeit wird das zwangsläufig zu Spannungen führen. Entweder wird ein Unternehmen das andere absorbieren oder eines wird verschwinden».»
Dieser Satz, der in chinesischen Foren weit verbreitet ist und Zustimmung findet, offenbart eine paradoxe Sorge. Viele befürchten, dass Leapmotor umgekehrt das wiederholen könnte, was westliche Konzerne in China lange Zeit getan haben: eine Partnerschaft nutzen, um Technologie abzugreifen, bevor sie den Partner nach und nach marginalisieren.
Mehrere Internetnutzer ziehen eine Parallele zu den früheren chinesischen Joint Ventures, die mit Volkswagen, PSA oder General Motors gegründet wurden. Damals hatten die westlichen Marken ihre Technologie eingebracht, während sie die Kontrolle über die starken Marken und den Wert behielten. Einige befürchten heute, dass Europa versuchen könnte, genau das Gleiche mit den chinesischen Herstellern zu tun.
Andere hingegen sind der Ansicht, dass Leapmotor ein kluges Spiel betreibt. Dank Stellantis erhält die chinesische Marke sofort Fabriken, ein europäisches Vertriebsnetz, eine lokale Produktion, die die Zölle umgeht, und eine schnellere Glaubwürdigkeit auf dem alten Kontinent. Für sie ist es ein brillanter Schachzug, die europäische Infrastruktur zu nutzen, um eine globale Expansion zu beschleunigen, die Leapmotor alleine viel schwerer hätte finanzieren können.
Europa wird von chinesischer Technologie abhängig
Diese Partnerschaft wird in China auch als Symbol für einen historischen Wandel gesehen: Das einst dominierende Automobil-Europa beginnt, sich von chinesischen Technologien abhängig zu machen. Mehrere chinesische Medien betonen, dass dies wahrscheinlich das erste Mal ist, dass ein großer westlicher Hersteller seine eigenen europäischen Werke für eine chinesische Marke öffnet, um deren Fahrzeuge vor Ort zu produzieren. Ein enormer symbolischer Schritt.
In den Kommentaren gehen einige Nutzer sogar noch weiter: «Außen Opel, innen Leapmotor», meint ein in Deutschland ansässiger Nutzer ironisch. Am auffälligsten ist vielleicht, dass Stellantis es offenbar nicht dabei belassen will. Chinesische Medien berichten, dass Xiaomi und XPeng ebenfalls mit Stellantis gesprochen haben sollen. Parallel dazu baut der Konzern auch seine Verbindungen zu Dongfeng Motor aus (zur Erinnerung das Management von Stellantis besuchte bei zahlreichen Gelegenheiten die Fabriken von Dongfeng). Von China aus gesehen sieht das nach einer klaren Strategie aus: Europäische Konzerne versuchen nun, chinesische Technologie in ihre eigenen Strukturen zu integrieren, um den Übergang zur Elektrizität zu überleben.
Ein entscheidendes Zeitfenster von drei bis fünf Jahren
Für Leapmotor steht weit mehr auf dem Spiel als das derzeitige Verkaufsvolumen. Zhu Jiangming träumt von einem wirklich globalen Hersteller, bei dem 60 % der Produktion langfristig außerhalb Chinas stattfinden soll. Sein Ziel ist es nicht nur, chinesische Autos zu exportieren, sondern Leapmotor zu einem internationalen Automobilunternehmen zu machen.
Aber chinesische Beobachter erinnern auch daran, dass der schwierigste Teil der Arbeit jetzt beginnt. In Europa zu produzieren ist nur ein Schritt. Europäische Fabriken, Gewerkschaften, lokale Zulieferer und ein internationales Markenimage dauerhaft zu managen, ist eine ganz andere Herausforderung. Deshalb sind viele der Ansicht, dass die nächsten drei bis fünf Jahre entscheidend sein werden. Wenn die Kooperation funktioniert, könnte Leapmotor zu einem der ersten wirklich globalen chinesischen Hersteller werden. Wenn sie scheitert, könnte sie auch zu einem weiteren Beispiel für die Schwierigkeiten transkontinentaler Automobilallianzen werden.