
Es gibt Konkurse, die eine Tür schließen. Und dann gibt es solche, die dazu führen, dass eine andere, noch ältere Tür wieder geöffnet werden muss. Für Stellantis, die Liquidation von GAC-FCA in China, mit über 1 Milliarde Dollar Schulden hätte wie ein Schlusspunkt aussehen können. Nach Jahren strategischer Fehler, sinkender Verkaufszahlen und überflüssig gewordener Fabriken glaubten viele, dass der Konzern China endgültig verloren habe. Doch weniger als ein Jahr später erweckt der Hersteller den gegenteiligen Eindruck: Er gibt das Land nicht nur nicht auf, sondern kehrt zu seinem historischen Partner Dongfeng zurück, und zwar mit einer Beharrlichkeit, die nicht mehr wie ein einfacher Höflichkeitsbesuch aussieht.
Der Konkurs von GAC-FCA hat Chinas Ambitionen nicht beendet
Als das Gericht in Changsha den Konkurs von GAC-FCA im Sommer 2025 bestätigte, war der Misserfolg spektakulär. Das Joint Venture, das 2011 gegründet worden war, um Fiat Chrysler eine solide industrielle Basis in China zu verschaffen, hinterließ verlassene Fabriken, Auktionen, die ohne Käufer geblieben waren, und riesige Verbindlichkeiten. Der Zusammenbruch war ein Beispiel für die Schwierigkeiten westlicher Konzerne, mit dem rasanten Wandel des chinesischen Marktes Schritt zu halten, der sich von traditionellen Autos mit Verbrennungsmotoren zu einer Welt entwickelt hat, die von Elektroautos, Software und schnellen Innovationen dominiert wird.

Die Lektion, die Stellantis gelernt hat, scheint jedoch nicht die des Rückzugs zu sein. Seit Antonio Filosa die Leitung der Gruppe übernommen hat, hat sich die Rhetorik geändert: China wird nicht mehr als verlorenes Terrain dargestellt, sondern als Raum, den es zurückzuerobern gilt, vorausgesetzt, man tut dies auf andere Weise. Nicht mehr durch eine alte, kurzatmige Struktur wie GAC-FCA, sondern indem man sich auf Allianzen stützt, die als nützlicher, flexibler und vor allem besser mit der industriellen Realität Chinas verbunden angesehen werden.
Acht Monate, neun Besuche in Wuhan: ein untrügliches Signal
Hier ist die chinesische Quelle besonders interessant. Laut einer Meldung von Jimu News, die Anfang März 2026 veröffentlicht wurde, reisten die Führungskräfte von Stellantis in acht Monaten neunmal nach Wuhan. Diese Zahl allein sagt schon viel aus. Es handelt sich nicht mehr um eine Fernbeziehung oder eine Partnerschaft, die nur pro forma aufrechterhalten wird. Wuhan ist wieder zu einem fast obligatorischen Anlaufpunkt für den Konzern geworden, und Dongfeng wird allmählich wieder zu einem strategischen Gesprächspartner ersten Ranges.

Am 2. und 3. März 2026 reiste Robert Peugeot, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands von Stellantis und Vertreter der Familie Peugeot, mit mehreren Führungskräften nach Wuhan. Laut Jimu News traf er sich mit Dongfeng, besuchte Shenlong Automobile und gab eine klare Linie vor: die Präsenz von Stellantis in China zu vertiefen, die Zusammenarbeit bei elektrifizierten und intelligenten Fahrzeugen zu verstärken und mit einer Transformationslogik voranzuschreiten, die sich in einer sehr anschaulichen Formel zusammenfassen lässt: «Von Shenlong hergestellt, in der Welt verkauft».


Diese Reise ist kein Einzelfall. Die gleiche chinesische Quelle beschreibt eine viel umfassendere Sequenz: Antonio Filosa reiste kurz nach seinem Amtsantritt nach Wuhan, begleitet insbesondere von Alain Favey für Peugeot, Xavier Chardon für Citroën und Grégoire Olivier, der damals in erster Linie für China zuständig war. Weitere Besuche folgten im Sommer, Herbst und Dezember, bei denen es um Peugeot, Citroën, Jeep, Maserati und die Gespräche mit Dongfeng ging. Mit anderen Worten: Stellantis schickte erneut nicht nur einen einzelnen Gesandten nach China, und zwar nach Wuhan, sondern praktisch seine gesamte Befehlskette, die mit den Marken und der Asienstrategie in Verbindung steht.
Dongfeng ist nicht mehr nur eine Erinnerung an die Vergangenheit
Das Herzstück dieser Geschichte ist natürlich Dongfeng. Die Allianz geht auf die 1990er Jahre mit DPCA, dem Joint Venture Dongfeng Peugeot-Citroën, zurück. In den letzten Jahren schien sie schließlich marginalisiert, da sie durch den kommerziellen Zusammenbruch von Peugeot und Citroën in China und die vorsichtigere Strategie unter Carlos Tavares geschwächt wurde. Doch der Partner war nie verschwunden. Und heute scheint Stellantis der Ansicht zu sein, dass diese alte Allianz ihm immer noch als Basis für einen Aufschwung dienen könnte.
Jimu News betont übrigens einen zentralen Punkt: In den Augen von Stellantis ist Dongfeng nicht nur ein historischer Partner, sondern ein Partner, der in der neuen Ära des Automobils glaubwürdig geworden ist. Der chinesische Konzern hat in den Bereichen Elektrik, eingebettete Intelligenz, Digitalisierung und Internationalisierung stark beschleunigt. Die chinesische Quelle hebt die Marke von einer Million Fahrzeugen mit neuer Energie hervor, die Dongfeng im Jahr 2025 erreichen will. Dies ist natürlich keine neutrale Statistik in Stellantis' Überlegungen: Wenn der Konzern wieder Anschluss an das siegreiche China finden will, braucht er einen Verbündeten, der selbst die technologische Skala gewechselt hat.
Was Stellantis mit Dongfeng plant
Die von Bloomberg am 15. April 2026 enthüllte Information verleiht dieser Annäherung eine noch konkretere Dimension. Der Quelle zufolge diskutiert Stellantis mit Dongfeng über eine mögliche Wiederbelebung der Partnerschaft durch eine gemeinsame Produktion in Europa und China. Das geplante Schema wäre weitaus ehrgeiziger als eine einfache Wiederbelebung des lokalen Handels. Dongfeng könnte Zugang zu nicht ausgelasteten Stellantis-Fabriken in Europa, insbesondere in Deutschland und Italien, erhalten, während der chinesische Konzern in China Modelle einiger Stellantis-Marken für den lokalen Markt, aber auch potenziell für den Export produzieren könnte.

Laut Bloomberg haben Vertreter von Dongfeng kürzlich europäische Standorte besucht, und die Gespräche sollen so weit gehen, dass sie letztendlich eine Investition oder eine Beteiligung an einem oder mehreren Industriestandorten in Europa in Betracht ziehen. Noch ist nichts in trockenen Tüchern, und die Agentur weist ausdrücklich darauf hin, dass die Gespräche noch scheitern können. Aber die Idee allein ist schon bedeutungsvoll: Stellantis “repariert” nicht mehr nur eine politische Beziehung zu Dongfeng, sondern untersucht nun ein industrielles Crossover-Modell zwischen den beiden Kontinenten.
Wuhan als industrielle Exportbasis und Labor für das neue Modell
Was Jimu News berichtet, ergänzt diese Annahme sehr gut. In Wuhan beschränkt sich Stellantis« Rede nicht mehr darauf, Shenlong auf dem chinesischen Markt zu retten. Es geht auch darum, aus dieser industriellen Basis ein nach außen gerichtetes Instrument zu machen. Die Formel »in China, für die Welt", die bereits in den jüngsten Reden rund um Shenlong auftauchte, kehrt als eine immer stärker angenommene strategische Ausrichtung zurück. Die Idee ist einfach: Die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Chinas, das lokale Know-how in den Bereichen Elektrik und eingebettete Intelligenz sowie die solide Fertigungstechnik der Standorte in Wuhan sollen genutzt werden, um schneller, besser und kostengünstiger zu produzieren, bevor in andere Regionen exportiert wird.

Die chinesische Quelle hebt auch die industrielle Qualität des Shenlong-Werkes in Wuhan hervor. Demnach wurde das Werk in zwei aufeinanderfolgenden Jahren als bestes Werk der Stellantis-Gruppe ausgezeichnet, wobei das Qualitätsniveau unter 52 weltweiten Werken des Herstellers auf Platz eins rangierte. Für Stellantis ist dies ein entscheidender Punkt: Wenn die Gruppe Shenlong wieder zu einem strategischen Dreh- und Angelpunkt machen will, muss sie sich auf eine glaubwürdige Basis stützen können, nicht nur auf eine Nostalgie der PSA-Dongfeng-Jahre.
Nach Leapmotor spielt Stellantis nun auf mehreren chinesischen Hochzeiten
Das Interessanteste ist, dass diese Rückkehr zu Dongfeng die Leapmotor-Wette nicht ersetzt: Sie kommt hinzu. Bloomberg erinnert daran, dass Stellantis parallel dazu weiterhin mit Leapmotor in Europa zusammenarbeitet und sogar erwägt, die Technologie dieses Partners verstärkt zur Stärkung von Massenmarken wie Fiat oder Opel einzusetzen. Dies bestätigt, dass der Konzern nicht auf eine einzige chinesische Karte setzt, sondern gleich auf mehrere.

Das ist die ganze Zweideutigkeit der aktuellen Strategie. Leapmotor bietet Stellantis eine schnelle Antwort auf Elektroantrieb, Kosten und potenziell Emissionen in Europa. Dongfeng hingegen kann etwas anderes bieten: industrielle Tiefe, eine historische Verankerung in China, Produktionskapazitäten und eine mögliche Brücke zwischen Asien und Europa. Nachdem Stellantis die erste chinesische Revolution verpasst hat, scheint er nun von der zweiten profitieren zu wollen, indem er die Einstiegspunkte vervielfacht.
Eine durch die technologische Schwäche Europas erzwungene Wende
Diese Annäherung kommt nicht von ungefähr. Bloomberg erklärt, dass Stellantis derzeit mit Hilfe von Beratern, darunter McKinsey, eine breit angelegte strategische Überprüfung seines Geschäfts durchführt, und zwar vor dem Hintergrund einer ungleichen Nachfrage und eines stärkeren Wettbewerbs, insbesondere durch Volkswagen und BYD. Eines der sensibelsten Probleme sind die nicht ausgelasteten europäischen Fabriken. In diesem Zusammenhang kann die Aufnahme eines Industriepartners oder die Neuorganisation der Produktion mit einem chinesischen Akteur die Kosten senken, die Auslastung verbessern und politisch brisante Schließungen verhindern.
Mit anderen Worten: Wenn Stellantis zu Dongfeng zurückkehrt, dann nicht nur, um sein Image in China aufzupolieren. Es ist auch, weil Europa selbst zum Teil des Problems wird. Der historische chinesische Partner wird also nicht mehr nur als Türöffner zum chinesischen Markt gesehen, sondern als möglicher Teil der globalen Neuorganisation des Konzerns.
Nach dem Fiasko die Sturheit
Was diese Sequenz interessant macht, ist ihr Kontrast. Auf der einen Seite bleibt Stellantis die Gruppe, die eines ihrer chinesischen Joint Ventures mit Verbindlichkeiten von rund 1 Milliarde US-Dollar untergehen sah. Auf der anderen Seite reiht derselbe Konzern einen Besuch nach dem anderen in Wuhan aneinander, rückt Dongfeng wieder in den Mittelpunkt des Geschehens und prüft bereits neue Formen der industriellen Zusammenarbeit zwischen Europa und China.
Es bleibt abzuwarten, wie weit diese Rückkehr gehen wird. Bloomberg betont zwar, dass noch keine Vereinbarung getroffen wurde und dass die Gespräche scheitern können. Aber zwischen den Signalen, die nach Wuhan gesendet wurden, den neun Besuchen in acht Monaten, die Jimu News verzeichnete, der Betonung des Konzepts «Shenlong produziert, die Welt kauft» und den Überlegungen, Dongfeng europäische Fabriken zu öffnen, lässt sich eine Sache nur schwer leugnen: Trotz seines Schiffbruchs mit GAC-FCA hält Stellantis tatsächlich an seinem historischen Partner fest. Und dieses Mal handelt es sich nicht mehr um Diplomatie, sondern um eine echte strategische Entscheidung.