
Es gibt Autos, die unter Liebhabern die Gemüter spalten. Und noch bevor wir weiter darauf eingehen, werden einige Puristen darauf hinweisen, dass man einfach von «Dino» und nicht von «Ferrari Dino» sprechen sollte. Doch die Bezeichnung Ferrari „Dino“ hat mittlerweile fest Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch gehalten, auch in der Kommunikation der Marke selbst.
Diese Dino 246 GTS aus dem Jahr 1972 dürfte übrigens eine weitere, ebenso leidenschaftliche Debatte entfachen. Denn während Sammler in der Regel nach Fahrzeugen suchen, die streng ihrem Originalzustand entsprechen, hat dieses stark umgebaute Exemplar bei einer Auktion auf „Bring a Trailer“ gerade die 900.000-Dollar-Marke überschritten. Eine Summe, die es auf das Niveau vieler vollständig originaler Dinos bringt oder sogar darüber hinaus.
Ein Dino wie kein anderer
Dieser Ferrari Dino 246 GTS ist kein Unbekannter. Er gehörte dem berühmten amerikanischen Sammler David Lee, der unter Liebhabern bereits für seine spektakuläre Ferrari-Sammlung in den Farben « Ketchup, Senf und Gemüse » sowie für den Erwerb äußerst seltener Modelle, darunter ein Ferrari 250 GTO.
Zwischen 2017 und 2018 übergab David Lee diesen Dino an Moto Technique, einen anerkannten Spezialisten für klassische Ferraris. Das Ziel war nicht, das Auto in seinen Originalzustand zurückzuversetzen, sondern den idealen Dino zu schaffen – den, den Ferrari nie produziert hat. Der ursprüngliche 2,4-Liter-V6-Motor wurde daher zugunsten eines auf 3,6 Liter vergrößerten Ferrari-V8-Motors vom Typ F105C entfernt. Ausgestattet mit einer modernen Einspritzanlage und einem elektronischen MoTeC-Steuergerät leistet dieser Motor rund 400 Pferde, was fast der doppelten Leistung des ursprünglichen Dino entspricht.

Der Ferrari, der alle Konventionen bricht
In der Welt von Ferrari gilt Authentizität in der Regel als heilig. Sammler suchen nach Fahrzeugen mit «matching numbers», die noch über ihren Originalmotor, ihr Originalgetriebe und ihre ursprüngliche Ausstattung verfügen. Dieser Dino ist genau das Gegenteil davon.



Die Karosserie wurde schwarz lackiert, die Kotflügel wurden leicht verbreitert, die Scheinwerfer erhielten Plexiglasabdeckungen, hinter den 17-Zoll-Felgen verbergen sich Bremsen aus einem Ferrari 360 Modena, während Fahrwerk und Lenkung modernisiert wurden. Der Innenraum vereint Daytona-Sitze, eine Klimaanlage, ein modernes Audiosystem sowie eine rot-schwarze Polsterung. Auf dem Papier hätte dieses Auto also an Wert verlieren müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Ein Preis, der den Markt überrascht
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels liegen die Gebote bereits bei über 900.000 Dollar, wobei noch mehrere Stunden bis zum Ende der Auktion verbleiben. Dieser Betrag ist besonders erstaunlich, wenn man den aktuellen Markt für Ferrari Dino betrachtet. Die meisten originalen 246 GTS werden je nach Zustand, Fahrgeschichte oder Seltenheit für zwischen 450.000 und 800.000 Dollar gehandelt. Einige sehr begehrte Versionen überschreiten zwar tatsächlich dieses Niveau, entsprechen jedoch in der Regel vollständig ihrer Werkskonfiguration.
Selbst restaurierte und vollkommen authentische Dino-Modelle wurden kürzlich für rund 786.000 Dollar verkauft, während mehrere Exemplare, die für 500.000 bis 600.000 Dollar angeboten werden, manchmal nur schwer einen Käufer finden. Mit anderen Worten: Dieser umgebaute Dino erreicht Preisniveaus, die normalerweise den begehrtesten Exemplaren auf dem Markt vorbehalten sind.


Die Fans sind begeistert
Die unter der Anzeige veröffentlichten Kommentare zeugen übrigens von einer eher seltenen Begeisterung. Mehrere Dino-Besitzer loben die Qualität der von Moto Technique geleisteten Arbeit, wobei einige sogar der Meinung sind, es handele sich um «den besten modernen Ferrari mit Mittelmotor».
Der ehemalige Wartungsbeauftragte des Wagens erklärt, er sei sechs Jahre lang regelmäßig damit gefahren, und beschreibt ihn als «ein außergewöhnliches Auto». Ein Automobiljournalist, der das Auto 2018 getestet hat, behauptet sogar, es sei nach wie vor eines der beeindruckendsten Autos, die er je gefahren habe. Mehrere potenzielle Käufer heben zudem hervor, dass David Lee die Originalteile aufbewahrt haben soll, was theoretisch die Möglichkeit offenlässt, das Auto wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Eine neue Sichtweise auf die Kollektion?
Diese Auktion könnte auf eine Entwicklung auf dem Oldtimermarkt hindeuten. Junge Sammler scheinen sich manchmal eher für verbesserte Modelle zu interessieren, die leistungsstärker und im Alltag praktischer sind, als für das strikte Streben nach Authentizität.
Der Dino von David Lee ist nicht mehr wirklich der kleine Ferrari, der Anfang der 1970er Jahre als Hommage an Alfredo «Dino» Ferrari entworfen wurde. Er ist zu etwas anderem geworden: zu einer modernen Interpretation einer Ikone. Und vielleicht ist es genau diese Freiheit, die erklärt, warum ein Exemplar mit dem originalen V6-Motor heute fast eine Million Dollar kosten kann.

