
Anfang 2026, Stellantis erweckte den Eindruck, das Schlimmste verhindert zu haben. Dank einer in letzter Minute erfolgten Lockerung der europäischen Regeln für CO₂-Emissionen entging der Konzern 2025 einer sofortigen Strafe, die mehr als 800 Millionen Euro allein auf dem italienischen Markt. Ein Sieg, der jedoch nur schlecht über eine weitaus beunruhigendere Realität hinwegtäuschen kann: In Europa bleibt der regulatorische Pfad für einen so exponierten Massenhersteller wie Stellantis praktisch unerreichbar. Denn hinter dem von Brüssel gewährten Aufschub dreht sich der Zähler weiter. Und dieses Mal sind es die Nutzfahrzeuge, die die Rechnung zu sprengen drohen.
Problem verschoben, nie gelöst
Seit 2025 müssen die europäischen Hersteller drastisch gesenkte Emissionsziele mit einem einfachen und gefürchteten Strafmechanismus einhalten: Jedes Gramm CO₂, das über dem Zielwert liegt, zieht eine Geldstrafe pro verkauftem Fahrzeug nach sich. Die Europäische Kommission hat zwar zugestimmt, die Berechnungen für den Zeitraum 2025-2027 zu glätten, die zu erreichenden Schwellenwerte jedoch in keiner Weise verändert. Für Stellantis ist dieser Rahmen nach wie vor extrem restriktiv. In Italien hätte der Konzern nach Angaben von Dataforce ohne diese Flexibilität bis 2025 über 800 Millionen Euro an theoretischen Strafen angehäuft, wobei Fiat als Hauptverursacher erscheint, vor Peugeot, Citroën, Jeep, Opel und Alfa Romeo. Und Italien ist nur ein Indikator für ein weitaus größeres Problem auf europäischer Ebene.
Nutzfahrzeuge als Achillesferse des Übergangs
Wirklich brisant wird die Situation im Segment der leichten Nutzfahrzeuge. Laut Les Echos bleibt der Verkauf von elektrisch betriebenen Lieferwagen in Europa weiterhin auf einem niedrigen Niveau. Die Gründe dafür sind bekannt: hohe Preise, noch begrenzte Reichweite und Ladebeschränkungen, die nicht mit den Bedürfnissen von Handwerkern, Flotten und kleinen Unternehmen vereinbar sind. Doch die europäischen Vorschriften gelten auch für Nutzfahrzeuge. Und mit einem Marktanteil von fast 30 % in diesem Segment in Europa ist Stellantis mechanisch eine der am stärksten gefährdeten Gruppen. Laut einer Studie des ICCT (International Council on Clean Transportation) würde der Konzern derzeit eine Überschreitung seines Ziels für Nutzfahrzeuge um etwa 24 Gramm CO₂ aufweisen, gegenüber etwa 16 Gramm bei Renault.
Die Zahl, die für Kopfschütteln sorgt: 2,6 Milliarden Euro
Intern ist die Feststellung bereits getroffen worden. Die Beibehaltung eines Strommixes von rund 10 % in Kleintransportern könnte Stellantis bis 2027 bis zu 2,6 Milliarden Euro an kumulierten Strafen kosten. Diese Zahl, die ab dem letzten Sommer von Jean-Philippe Imparato als er die europäischen Aktivitäten des Konzerns leitete, wird nun von mehreren Analysten aufgegriffen. Die Situation ist umso besorgniserregender, als der bereits im ersten Jahr des Zyklus 2025-2027 aufgelaufene Rückstand ein Aufholen ohne einen abrupten Marktbruch nahezu unmöglich macht. Anders als bei Pkw gibt es bei Nutzfahrzeugen heute keinen "natürlichen" Umstieg auf Elektrofahrzeuge.
Renault vorsichtiger, Stellantis unter Druck
Angesichts dieses Risikos gehen die Strategien auseinander. Renault hat bereits mit der Vorbereitung seiner Bilanzen begonnen. Laut Les Echos hat der französische Hersteller im ersten Halbjahr 2025 eine erste Rückstellung in Höhe von 98 Millionen Euro vorgenommen, die hauptsächlich mit dem regulatorischen Risiko für CO₂-Emissionen zusammenhängt, wobei Nutzfahrzeuge der Hauptexpositionsfaktor sind. Bei Stellantis wurde noch nichts offiziell bekannt gegeben. Das Thema könnte sich jedoch schon bei der Vorlage der Jahresergebnisse aufdrängen. Mehrere Analysten sind der Ansicht, dass der Konzern eine umfassendere Überprüfung seiner Vermögenswerte nutzen könnte, um eine teilweise Absicherung des CO₂-Risikos sowohl bei Autos als auch bei Nutzfahrzeugen zu integrieren.
Angesichts dieser Sackgasse verstärken Stellantis und Renault ihre Lobbyarbeit in Brüssel. Das Ziel ist klar: mehr Flexibilität oder sogar eine Überarbeitung der spezifischen Zielvorgaben für Nutzfahrzeuge zu erreichen. Gleichzeitig würde Stellantis versuchen, an den kommerziellen Hebeln zu drehen, indem er die Preise für Versionen mit Verbrennungsmotor anhebt und so versucht, die Nachfrage in Richtung Elektrofahrzeuge zu zwingen. In Europa scheinen die derzeitigen regulatorischen Ziele zunehmend von der tatsächlichen Marktnutzung abgekoppelt zu sein.