
Es gibt Zahlen, die wie ein Signal für einen Aufschwung klatschen. +43 % in Nordamerika im vierten Quartal 2025. +6,7 % in Europa im Januar 2026, als der Markt um fast 4 % zurückging. Auf den ersten Blick scheint die Dynamik klar zu sein: Stellantis ist dabei, sich wieder aufzurichten. Und der Name Antonio Filosa beginnt bereits als der Mann für den Aufschwung zu kursieren. Doch was sagen die Zahlen hinter den Ankündigungen wirklich aus?
Der “Reset”-Schock: 22 Milliarden für den Neustart
Am 6. Februar 2026 machte Stellantis offiziell, was viele schon ahnten: einen echten «Reset». Hinter diesem Wort verbirgt sich eine brutale Realität. Etwa 22,2 Milliarden Euro an außergewöhnlichen Belastungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2025. Ein geschätzter jährlicher Nettoverlust zwischen 19 und 21 Milliarden Euro. Keine Dividende im Jahr 2026.
Dieser buchhalterische Schock spiegelt eine tiefgreifende strategische Veränderung wider. Der Konzern räumt ein, das Tempo des elektrischen Übergangs, insbesondere in den USA, überschätzt zu haben, und passt seine Produktpläne massiv an. Das Ergebnis: Einstellung von BEV-Projekten, die als unrentabel eingestuft wurden, Wertberichtigungen auf Plattformen, Neudimensionierung der Batterieproduktionskette und nach Qualitätsproblemen nach oben korrigierte Rückstellungen für Garantien.
Diese massive Bereinigung der Bilanz ist schmerzhaft. Aber sie ermöglicht einen Neuanfang auf einer realistischeren Grundlage. Stellantis verfügt Ende 2025 noch über rund 46 Milliarden Euro an industriellen Barmitteln. Genug, um den Übergang zu finanzieren... vorausgesetzt, die Strategie ist die richtige.
+43 % in den USA: Echter Aufschwung oder Lagereffekt?
Die Zahl beeindruckt: +43 % Rechnungen in Nordamerika im vierten Quartal 2025, das sind rund 127.000 zusätzliche Einheiten im Jahresvergleich. Aber man muss zwischen den Zeilen lesen. Ein Teil dieses Anstiegs ist auf die Normalisierung der Lagerbestände zurückzuführen. Im Jahr 2024 hatte Stellantis die Lieferungen an Händler freiwillig reduziert. Der Aufschwung im Jahr 2025 profitiert also von einem günstigen Basiseffekt.
Abgesehen davon ist der Aufschwung bei den Aufträgen sehr real: +150 % im vierten Quartal nach Angaben des Konzerns. Die Rückkehr des HEMI V8-Motors in den Ram 1500, die neue Generation des Jeep Grand Cherokee, die Wiederbelebung des Dodge Charger SIXPACK... Filosa hat eine klare Entscheidung getroffen: den Verbrennungsmotor wieder dort einzusetzen, wo die Kunden ihn noch nachfragen. Es ist eine angenommene Wende. Weniger Ideologie, mehr Pragmatismus. Und kurzfristig funktioniert das.
Europa schwimmt gegen den Strom: +6,7 % in einem rückläufigen Markt
Im Januar 2026 geht der europäische Markt in der EU um 3,9 % zurück. Dennoch wächst Stellantis dort um 9,1 % in der EU und um 6,7 % im erweiterten Europa (EU + EFTA + Vereinigtes Königreich). Sein Marktanteil steigt von 15,5 % auf 17,1 %.
Die treibende Kraft hinter dieser Leistung? Fiat, mit einem Anstieg von mehr als 30 %, aber auch Opel/Vauxhall und Citroën. Eine Schlüsselrolle spielt der Aufstieg der Modelle der Smart Car-Plattform, zu der auch der Fiat Grande Panda gehört, mit einem erweiterten Angebot an Verbrennungs-, Hybrid- und Elektrofahrzeugen.
Gleichzeitig ändert sich die Marktstruktur schnell. BEVs erreichen im Januar 2026 19,3 % der Neuzulassungen in der EU. Hybridfahrzeuge erreichen mit 38,6 % ihren Höhepunkt. Benzin fällt auf 22 %, Diesel auf 8,1 %. Stellantis scheint eine opportunistische Positionierung gefunden zu haben: keine Forcierung des Elektroantriebs dort, wo die Nachfrage noch nicht reif ist, und gleichzeitig Kapital aus dem Hybridantrieb schlagen, der heute das Herzstück des europäischen Marktes ist.
Eine erschreckend effektive kurzfristige Strategie
Der rote Faden der Filosa-Strategie ist klar:
- Senkung der Preise, um Volumen zurückzugewinnen
- Wiedereinführung von rentablen Verbrennungsmotoren
- Stopp von zu ehrgeizigen Stromprojekten
- industrielle Reorganisation und Qualitätsverbesserung
Die ersten Indikatoren sind ermutigend. Das konsolidierte Volumen für das zweite Halbjahr 2025 steigt im Jahresvergleich um 11 %. Die Qualitätsprobleme in den ersten Monaten der Nutzung fallen in Nordamerika um 50 % und in Europa um 30 %. Gleichzeitig prognostiziert Stellantis für 2026 einen Umsatzanstieg, eine operative Marge im niedrigen einstelligen Bereich und eine Verbesserung des industriellen Cashflows. Auf dem Papier ist der Turnaround eingeleitet.
Wunder Filosa... oder vorübergehende Illusion?
Die eigentliche Frage liegt woanders. Der derzeitige Aufschwung beruht weitgehend auf taktischen Anpassungen: aggressivere Preise, Rückkehr der Thermik, Normalisierung der Lagerbestände, Neuheiten-Effekt. Dies sind kurzfristig mächtige Hebel. Aber sie stellen keine langfristige industrielle Vision dar.
Wie sieht die Strategie von Stellantis angesichts der beschleunigten Elektrifizierung in Europa aus? Wie will sich die Gruppe angesichts des Aufstiegs der chinesischen Hersteller, insbesondere BYD, positionieren, das in der EU um mehr als 175 % wächst?
Der “Reset” korrigiert die Fehler der Vergangenheit und beruhigt die Märkte. Aber er zeichnet noch nicht klar die Zukunft. Eine Zukunft, die in drei Märkte aufgeteilt ist: Verbrennungsmotor für Nord- und Südamerika, Hybridantrieb für Europa und Elektroantrieb für China.
Auf dem Investorentag am 21. Mai muss Stellantis über die buchhalterische Sanierung hinausgehen und einen verständlichen industriellen Kurs vorlegen. Denn wenn 2025 und Anfang 2026 zeigen, dass Filosa mit der Notsituation umgehen kann, bleibt die Frage: Kann er auch 2030 vorbereiten? In der Zwischenzeit ist eines sicher: Nach Monaten des Zweifels hat Stellantis wieder Atem geschöpft. Es bleibt abzuwarten, ob es sich dabei um einen zweiten Start handelt ... oder einfach nur um ein Durchatmen vor der nächsten Zielgeraden.