
Ende der 2000er Jahre beschloss ein Autoenthusiast, weit über die bloße Personalisierung hinauszugehen. Anstatt einen Ferrari Klassiker, beauftragte er einen Schweizer Karosseriebauer damit, einen Ferrari 360 Modena in ein völlig einzigartiges Auto zu verwandeln. Das spektakuläre und radikale Ergebnis heißt Sbarro Alcador GTB.
Mehr als fünfzehn Jahre später taucht dieses erstaunliche Autoprojekt bei einer Auktion wieder auf ... doch sein Schätzwert erzählt eine ziemlich überraschende Geschichte.
Ein Ferrari 360 als Prototyp umgebaut
Alles beginnt mit Ludwig Binder, einem begeisterten Ferrari-Kunden, der sich an die 1971 gegründete Schweizer Werkstatt Sbarro wendet, die für ihre experimentellen und manchmal sehr gewagten Kreationen bekannt ist. Seine Anfrage war einfach, aber ehrgeizig: Er sollte einen einzigartigen Supersportwagen auf der Basis eines Ferrari 360 Modena bauen.
Sbarro nahm die Herausforderung an und enthüllte das Ergebnis auf dem Genfer Salon 2009. Der Wagen heißt Alcador GTB und ist nach den drei Töchtern von Binder benannt: Aline, Catherine und Dorine.




Die Verwandlung ist spektakulär. Die Originalkarosserie des Ferrari verschwindet komplett und wird durch ein völlig neues Design ersetzt. Die Frontpartie zeichnet sich durch ein stark geformtes Gesicht aus, das fast ohne Kühlergrill auskommt und nur feine Luftöffnungen aufweist. Die Motorhaube bildet eine riesige Clamshell, während der extrem schmale Innenraum und die Glasfläche an einige Ferrari-Rennprototypen der 1960er Jahre erinnern, insbesondere an den 330 P4. Im Profil sind die seitlichen Lufteinlässe besonders markant und verstärken das radikale Aussehen des Wagens.
Die Ferrari-DNA ist immer präsent
Trotz dieser äußerlichen Veränderung behielt das Auto einen Großteil seiner technischen Basis bei. Unter der Karosserie verbirgt sich immer noch der 3,6-Liter-V8-Saugmotor des Ferrari 360 Modena, der mit dem elektrohydraulischen F1-Getriebe kombiniert ist.

Auch das Interieur vermischt Ferrari-Originalelemente mit spezifischen Akzenten. Das Lenkrad, die analogen Anzeigen und der Mitteltunnel sind aus dem 360 bekannt, aber das Armaturenbrett wurde neu gestaltet und auf den Fahrer ausgerichtet. Der Innenraum erhielt außerdem eine individuelle Polsterung mit blauen Wildleder- und hellen Lederbezügen. So bot das Auto die Leistung eines Ferraris und zeigte gleichzeitig einen völlig neuen Stil.
Eine sehr vertrauliche Serie
Der Alcador GTB ist kein isoliertes Projekt. Vielmehr gehörte dieses Auto zu einer kleinen Serie von vier Alcador, die von Sbarro gebaut wurden.
Das erste Modell war ein Alcador Roadster, der in den 1990er Jahren erschien. Danach wurden mehrere Varianten auf verschiedenen Ferrari-Basen geschaffen, darunter ein auf dem Testarossa basierendes Modell, das auf dem Genfer Salon 2009 vorgestellt wurde, sowie ein Alcador GTC, der erst viel später im Jahr 2018 enthüllt wurde. Die auf dem Ferrari 360 Modena F1 basierende Version, die 2009 in Genf vorgestellt wurde, ist jedoch nach wie vor eine der spektakulärsten.
Eine gut dokumentierte Geschichte
Das heute zur Versteigerung angebotene Exemplar hat eine klare Geschichte. Ludwig Binder bewahrte es über ein Jahrzehnt lang auf, bevor er es 2020 an einen deutschen Sammler verkaufte.
Das Auto wechselte dann 2023 erneut den Besitzer, als Fritz Neuser es in seine Sammlung aufnahm. Ursprünglich war das Auto blau lackiert, wie bei seiner offiziellen Vorstellung.
Im Laufe der Jahre wurde er jedoch immer wieder rot lackiert. Heute ist der Wagen in Deutschland zugelassen, wobei das Datum der Erstzulassung mit dem des Spender-Ferrari übereinstimmt, also 2001, und er als Sbarro Alcador GTB registriert ist. Laut dem Auktionshaus Artcurial befindet sich das Auto in einem ausgezeichneten Zustand und hat seine spezifische weiß-blaue Innenausstattung behalten.
Ein stark sinkender Wert
Was diesen Verkauf besonders interessant macht, ist die Wertentwicklung des Autos.
Im Jahr 2022 wurde der Alcador GTB in Deutschland mit einem Preis von ca. 395.000 € angeboten, was fast dem Siebenfachen des Wertes eines normalen Ferrari 360 Modena entsprach. Heute, bei dieser von Artcurial organisierten Auktion, war der Schätzwert viel niedriger: zwischen 180.000 € und 260.000 €, und er wurde für... 138.460 € verkauft!
Mit anderen Worten: Das Auto ist trotz seines Status als Einzelstück fast dreimal weniger wert als noch vor drei Jahren.

Es ist schwer zu sagen, ob der Sbarro Alcador GTB ein vergessenes Meisterwerk oder eine automobile Kuriosität ist, die ein wenig zu radikal für den Markt ist. Sein atypisches Design und seine einzigartige Geschichte machen ihn auf jeden Fall zu einem einzigartigen Stück, das Ferrari-Technik mit der Fantasie eines unabhängigen Karosseriebauers vereint.
